„Das Leben der Anderen“ ein „Gruselmärchen“. – Christoph Hein kritisiert Florian Henckel von Donnersmarck

Unser Geschichtsbild wird heute stark von Filmen geprägt, die auch unterhalten sollen. Sie sprechen uns auf emotionaler Ebene an und mit ihrer Hilfe kann man sich in eine Situation versetzen, die man ansonsten als abstrakt wahrnehmen würde und schon bald wieder vergessen würde.

Meistens werden bei solchen Filmen, die eine wahre Begebenheit zeigen sollen, gewisse Dinge verändert. So sind die Schauspieler, denen Tragisches wiederfährt, deutlich attraktiver und haben viel weniger charakterliche Schwächen als das Vorbild im Original, um die Fallhöhe und damit die Tragik noch zu erhöhen. Zudem werden gerne Schlüsselerlebnisse erfunden und als besonders singulär und dramatisch dargestellt, weil man langwierige, psychologische Prozesse in einem Film nur schlecht darstellen kann. Häufig ist der Hinweis, ein Ereignis beruhe auf einer wahren Begebenheit oder von einer wahren Begebenheit inspiriert, vor allem ein Marketingargument, dessen imminente Täuschung der Zuschauer gerne akzeptiert, weil er so einen emotionaleren Kinoabend erlebt.

Problematisch wir es,  wenn mit Hilfe von Filmen fragwürdige Imagekampagnen durchgeführt werden (oft für Soldaten und das Militär) oder unser Geschichtsbild mit Propaganda beeinflusst werden soll. Genau das passiert jedoch ziemlich oft. So haben Bücher und Filme, die von Lebensgeschichten erzählen, die unter negativen Folgen eines als „schlecht“ anerkannten Systems angesehen werden, viel mehr Chancen zu Ruhm und Preisen zu kommen, als Geschichten, die Kritik am eigenen System beinhalten.

Ein besonders tolles Beispiel ist der Film „Das Leben der Anderen“. Auch dieser Film hatte es zum Ziel, unser Geschichtsbild zu beeinflussen und hat dies gut geschafft. Nachdem sich Gerhard Richter über den neuen Film von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck „Werk ohne Autor“ beschwert hatte, meldete sich in der Sueddeutschen Zeitung der Schriftsteller Christoph Hein zu  Wort, der sich ebenfalls beschwerte.

Florian Henckel zu Donnersmarck hatte ihn, Christoph Hein, vor seinem berühmten Film „Das Leben der Anderen“ über sein Leben befragt und mehrere Stunden mit ihm geredet. Das Leben des Hauptdarstellers sei an seinem Leben angelehnt, doch lehne den Film ab. Im Artikel äußert er sich durchaus auch DDR-kritisch, aber er wirft Herrn Donnersmarck vor, historisch nicht korrekt gewesen zu sein. Hier das extremste Zitat von ihm, das es auf den Punkt bringt:

„Nein, ‚Das Leben der Anderen‘ beschreibt nicht die Achtzigerjahre in der DDR, der Film ist ein Gruselmärchen, das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde.“

Außerdem führt er noch ein Beispiel an, wie Filme das Geschichtsbild beeinflussen können.

„Denn zehn Jahre nach jener Filmpremiere erzählte mir ein Professor der Germanistik, er habe – aus welchen Gründen auch immer – meine Anti-Zensur-Rede von 1987 mit seinen Studenten besprochen. Die Studenten hätten ihn gefragt, wie viele Jahre Gefängnis der Autor dieses Textes wegen bekommen habe. Der Professor erwiderte, der Autor sei nicht ins Gefängnis gekommen. Darauf meinten die Studenten, dann sei dieses Pamphlet erst nach 1989, also nach der Wende, geschrieben worden. Nein, erwiderte der Professor, er selbst habe bereits 1987 diese Rede gelesen. Das sei unmöglich, beharrten die Studenten, so könne es nicht gewesen sein, sie wüssten das ganz genau, weil sie ja den Film „Das Leben der Anderen“ gesehen hätten. Man sei, sagte der Professor zu mir, nach diesem Seminar in Unfrieden voneinander geschieden.“

Unsere Medien haben nun viele Artikel geschrieben und Menschen zu Wort kommen lassen, um gegen Christoph Hein vorzugehen. Die DDR muss auch weiterhin als Unrechtsstaat gelten und so furchtbar sein, damit sie nicht als Maßstab dienen kann, um unser aktuelles System zu kritisieren. Hier ein Artikel von der FAZ und einer von der Welt.

Tobias Riegel von den Nachdenkseiten hat zu diesem Thema ebenfalls einen Artikel geschrieben, der sehr lesenswert ist. Er führt darin auch an, dass der Film „Das Leben der Anderen“ vom Goethe Institut und von der Bundeszentrale für Politische Bildung empfohlen wird, um ein realistisches Geschichtsbild zu bekommen.

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