Eugen Drewermann zur Friedensbewegung

Eugen Drewermann, ein Intellektueller und der bekannteste Kirchenkritiker Deutschlands. Anlässlich seines 75-sten Geburtstages entstand dieses Interview des WRD.
Drewermann hat sich in der Kirche nicht viele Freunde gemacht: Die Kirche sollte mit Verständnis auf die Probleme der Menschen eingehen. Man sollte die Bibel nicht historisch lesen. Man darf die Menschen nicht trennen zwischen Denken und Glauben. Kritische Exegese statt Dogma, Abschaffung des Zölibats und ein Wandel des Lebensstils der Priester, die momentan zur gehobenen Mittelschicht gehören – das sind ein paar seiner Forderungen.
Zudem hat sich Drewermann jedoch zuletzt in der Friedensbewegung engagiert und auch dazu wurde er in dem Interview befragt. Hier einige transkribierte Ausschnitte aus der Sendung WDR-Kultur vom 19.06.2015:

Drewermann: Wer heute für den Frieden ist, muss damit rechnen, dass alle, die interessiert sind an der Erhaltung des Status Quo über einen herfallen mit wirklich obskuren Vorwürfen.
Anmerkung: Das ist mit Sicherheit wahr!

Drewermann: Es war ein vollkommen geordneter Marsch [Demo gegen Münchener Sicherheitskonferenz], aber man muss die Pazifisten als im gewissen Sinne dem Terrorismus Nahestehende unter Beaufsichtigung stellen. Wer in diesem Lande kritisch ist, ist ein Staatsfeind. Und wer sagt, die Bundeswehr gehöre am besten abgeschafft, richtet sich gegen ein Verfassungsorgan, also gegen das Grundgesetz. Das ist ganz schlimm. Das ist ein Radikaler. Ich glaube Jesus war ein Radikaler und ich habe da nicht viel dran zu bereuen.
Anmerkung: In einem anderen Kontext sprach Herr Drewermann davon, dass Wehrkraftzersetzung genau das Ziel sein muss. Das ist richtig. Auch die Kriminalisierung von Pazifisten ist nicht von der Hand zu weisen.

Drewermann: Dass wir damals mit zweihunderttausende oder wieviel Leute gegen die Dislozierung der Pershing II zum Beispiel demonstriert haben, hatte zu tun mit dem Willen zum Frieden ohne Zweifel, aber es war geboren aus Angst. Der Kampfschauplatz in Mitteleuropa wäre Deutschland gewesen, das wäre auch nicht anders 1991, als Bush der Ältere Irak fünfzig Tage lang bombardiert hatte, ganze Schützengrabenreihen bulldozern ließ, so dass gar nicht mehr getötet, sondern gleich beerdigt wurde. In der Zeit kamen Tausende auf die Marktpklätze aus Angst. Und ich habe immer wieder gesagt: Angst ist kein Argument, für den Frieden zu sein. Sie kann genauso gut am Ende betteln, dass man mit Waffengewalt verteidigt wird, ist ambivalent.
Anmerkung: Der Gedanke, dass die Angst die Friedensbewegung getragen hat und nicht die innere Einstellung ist faszinierend und schlüssig. Einerseits ist das frustrierend, andererseits ist es gut, wenn dieses Wissen vorhanden ist, damit möglichst viele verstehen – hilfreich ist vor allem der echte Pazifismus, der von innen kommt und konsequent ist. Außerdem könnten die zunehmend offenen Rüstungsanstrengungen der USA und die aktuellen Entwicklungen wieder für ein Erstarken der Friedensbewegung sorgen.

Drewermann: Wie man einer Bewegung widerspricht, die man nicht aufhalten kann, nach menschlichem Ermessen, ist eine Paradoxie, zu der die Wenigsten den Willen oder die Geduld aufbringen. Dazu braucht man wirklich eine religiöse Motivation. Ich glaube, dass Frau von der Leyen damit durchkommen wird: Wir werden in zwei, drei Jahren Drohnen haben, womöglich in deutscher Produktion oder mit den Franzosen zusammen. Wir werden in 10000 Kilometer Entfernung töten, wir werden Frauen am Joystick haben, die das besorgen – das volle Programm. Wir kriegen Offiziere in die Schulen, die erklären, das Töten von Menschen ist ein Beruf mit hoher Karrierechance, mit Freizeit am Wochenende, alles geregelt, genau so, wie wenn man Metzger oder Schreiner wird. Das alles sehe ich, wird durchkommen und trotzdem halte ich es für nicht richtig.
Anmerkung: Die Familientauglichkeit der Bundewehr wurde schon propagiert, der Drohnenkrieg aus Rammstein durch die USA wird schon geführt und die Bemühungen Deutschlands eigene Drohnen zu bauen – das ist auch schon da.

Drewermann: Die religiöse Auffassung ist die wichtigste Stütze, um humanitär zu sein inmitten einer Welt, in der Humanität nur dialektisch zur Sprache kommen kann. Wenn sie anfangen politisch zu denken, kann man inmitten dieser Welt in der Ohnmacht, die spürbar ist, eigentlich nur resignieren.
Anmerkung: Drewermanns Verständnis von Religion, das grundsätzlich gegen die Dogmatik ist, stattdessen Vernunft und Glaube wieder zusammenbringen will, ist für den Frieden sicher ein Fortschritt. (Ganzes Interview hören.) Und das Gefühl der Resignation kennt wohl jeder, der sich mit Politik beschäftigt.

Drewermann: Nein, ich glaube nicht, dass in unseren Tagen die Politik dahin ändern (sic!), dass sie abrüstet. Aber da wäre die Bedingung für den Frieden. Er kommt nicht durch Drohungen und durch Überlegenheit. Wir sind in Deutschland nicht einmal fähig, den Schrott der alten Atombomben zu entfernen. Westerwelle wollte das, Merkel aber wollte es nicht, weil unsere Freunde in den USA es nicht wünschen. Das alles ist so aberwitzig, dass ich nicht glaube, dass sich das verändert.
Anmerkung: Leider wahr!

Fazit: In einer Zeit, in der die Kriegstreiber wieder laut in ihre Posaunen blasen, braucht es den radikalen Pazifismus. Eugen Drewermann leistet hier einen sehr wertvollen Beitrag, damit sich diese Einsicht durchsetzt!